Der Schilfrohrsänger legt los

Der Schilfrohrsänger gehört mit seiner schönen Gesichtsmaske aus Scheitel-, Überaugen- und Augenstreif sowie den dunkel abgesetzten Arm- und Handdecken mit Schwungfedern zu unseren optisch herausstechenden Rohrsängern. Dadurch ist er in Deutschland nicht mit anderen Rohrsängern zu verwechseln und sein schwätzend-metallischer Rohrsänger-Gesang unterscheidet sich akustisch deutlich von der Verwandtschaft.

Etwas anders sieht die Sache am Ort der Aufnahme der Fotos auf, das war nämlich am Neusiedler See. Hier beginnt das Verbreitungsgebiet des optisch sehr ähnlichen Mariskenrohrsängers, der insgesamt dunkler und kontrastreicher gezeichnet wirkt. Er scheint in der Habitatwahl ein wenig anspruchsvoller zu sein und bewohnt dichte Schilfbestände, wie man sie am Neusiedler See in großer Ausbreitung findet.

Damit bei der Bestimmung nicht der Wunsch Vater des Gedankens ist, gelingt die Unterscheidung dieser beiden Zwillingsarten am besten über den Gesang. Zwar singt auch der Mariskenrohrsänger sehr ähnlich dem Schilfrohrsänger, fügt im Gesang aber Nachtigall-ähnliche düüh-düüh-düüh-Rufe mit ein, die absolut unverkennbar sind.

Am Neusiedler See hatten wir hauptsächlich den weiter verbreiteten Schilfrohrsänger, was nicht überrascht, da das Kerngebiet des Mariskenrohrsängers deutlich kleiner ist und eher im südlichen Europa liegt und sich dort in einem schmalen Band von Ost nach West erstreckt.

Einige schöne Insekten der letzten Zeit

Heute zeige ich ein paar schöne Insektenbeobachtungen der letzten Zeit, über die ich bisher noch nicht berichtet habe.

Bei einer 10km Kartierrunde in einem schönen lichten, strukturierten und beweideten Wald, der auch Naturschutz- und Vogelschutzgebiet ist, habe ich nach über 30 Kaisermänteln und 7 Russischen Bären, dann auch diesen Falter gefunden: Der Feurige Perlmuttfalter (Fabriciana adippe), der hier Nektar von einer Lanzett-Kratzdistel aufnimmt.

Der kleine Dickkopffalter, der hier auf einer feuchten Wiese auf Großem Wiesenknopf ruht, ist ein noch verhältnismäßig neuer Bewohner in Thüringen. Es ist der Zweibrütige Dickkopffalter (Pyrgus armoricanus), der aus eher wärmeren Gegenden die letzten Jahre von Südwesten her nach Deutschland eingewandert ist und mittlerweile weit verbreitet zu finden ist.

Dieses Libellenmännchen mit den spitzen Zackenmustern auf den hinteren Segmenten des Abdomens, der pokalähnlichen Zeichnung auf dem zweiten Abdomen sowie den leuchtend saphirblauen Augen, ist das Saphirauge, früher Pokal-Azurjungfer (Erythromma lindeni) genannt. In Thüringen wird die Art in der Roten Liste als R geführt – Extrem selten. Wir haben sie in einem Kiesabbau gefunden und das passt zu Literaturangaben, nachdem sie Tagebaue und andere xerotherme Ruderalflächen bevorzugt und oft mit der Westlichen Keiljungfer im gleichen Gebiet vorkommt. Letztgenannte Art konnten wir schon vor einiger Zeit im Gebiet nachweisen. Mit zunehmenden Klimawandel ist auch mit einer Zunahme des Saphirauges zu rechnen; ähnliche Entwicklungen konnte man bei anderen wärmeliebenden, südlichen Arten bereits beobachten: Wespenspinne, Gottesanbeterin, Zweibrütiger Dickkopffalter uvm.

Eine besonders schöne Beobachtung konnten wir hier machen: Ein Schwalbenschwanz-Weibchen (Papilio machaon) bei der Ei-Ablage an jungen Exemplaren der Wilden Möhre. Hier am Rand des Kies-Tagebaus haben die gelben, kugelrunden Eier tatsächlich eine realistische Chance auf eine volle Entwicklung. Das ist mit dem exzessiven Mähen von Gärten, aber auch von städtischen Flächen, leider mittlerweile eine Ausnahme geworden. Entweder gehen die Eier bzw. Raupen beim Mähen verloren oder alles ist millimeterkurz kahlgeschoren, sodass keine Pflanzen mehr zur Eiablage vorhanden sind. Dabei ist der Schwalbenschwanz eine eher anspruchslose Art und bevorzugt für seine Raupen lediglich Doldenblütler, wie Wilde Möhre oder Pastinak, die als typische Ruderalgewächse überall quasi von alleine wachsen – wenn man sie denn mal lässt und nicht als Unkräuter vernichtet.

Intakte Natur auf Sekundärbiotop

Es liegt schon eine gewisse Ironie in dem Sachverhalt, dass unsere Felder und Flure, allen voran das Grünland, immer mehr an Arten und Individuen verarmen und man ausgerechnet auf, mit brachialer Gewalt bearbeiteten, Flächen wie Tagebauen bessere Lebensbedingungen vorfindet. So wie letztes Wochenende an einem ehemaligen Tagebau auf Muschelkalk-Grund, der von Trockenrasen und Ruderal- sowie Sukzessionsflächen umgeben ist. 30 Silbergrüne Bläulinge auf 3 Hektar waren dort genauso normal wie 4 Russische Bären an einer einzigen Wollköpfigen Kratzdistel oder seltene Spezialisten wie die Rotflügelige Schnarrschrecke (RL in TH:2) oder der Mattscheckige Braundickkopffalter. Auch Vögel wie Waldwasserläufer, Wachtel, Uhu und weitere avifaunistische Besonderheiten fühlen sich dort wohl. Botanisch gab es neben typischen Ruderalgewächsen (Wilde Möhre, verschiedene Kratzdisteln, Rainfarn, Weißer Steinklee), auch Magerrasen-Arten (Wiesen-Witwenblume, Tauben-Skabiose, Wiesen- und Skabiosen-Flockenblumen, Wundklee, Pfirsichbl. Glockenblume) sowie viele Kräuter (Arznei-Thymian, Echter Dost). 107 Arten haben wir in 4,5h erfasst, eine kleine Auswahl folgt als Bild.

1. Obwohl ich die Art schon einmal mit dem Makro schön aufgenommen habe, habe ich sie wegen ihrer starken Variabilität nicht wiedererkannt. Klar war natürlich, dass es ein Graszünsler ist und man gleich bei der Unterfamilie der Crambinae gucken kann. Es ist der Magerrasen-Graszünsler Agriphila inquinatella.

2. Die nächste wohlbekannte Art, die ganz anders gewirkt hat, war der Braunbinden-Wellenstriemenspanner (Scotopteryx chenopodiata). Im normalen Ruhezustand fallen sowohl die breiten Deltaflügel als auch die schöne breite Bänderung auf. Beim aktiven Blütenbesuch, hier auf der Skabiosen-Flockenblume, wirkt die Art schon ganz anders.

3. Wenn es groß und weiß ist und deutlich ein Spanner, dann kann man gleich bei Cabera spec. schauen. Fast immer finden wir dabei den Braunstirn-Weißspanner (Cabera exanthemata), so wie auch hier.

4. Ja, die Flechtenbärchen sind mitunter kniffelig bei der Bestimmung. Bei diesem Rollflügel-Typ hat uns u.a. der Verlauf der äußeren orangen Randlinie zu Eilema complana geführt.

5. Ein weiteres Flechtenbärchen war Eilema pygmaeola, dessen Unterscheidung, gerade zu Eilema palliatella, mit Rest-Unsicherheit behaftet ist.

6.-8. Vor allem, wo es warm, mager und kalkig ist, kann man den Feurigen Perlmuttfalter (Fabriciana adippe) (hier an der Lanzett-Kratzdistel) antreffen. Der hier hat schon einiges hinter sich, ein ganz frischer flog aber auch durch die Gegend.

9. Manchmal erlaubt sich die Natur einen Spaß und lässt einen etwas dumm aus der Wäsche gucken. Diese Pflanze ist tatsächlich einfach nur eine Gew. Wegwarte – allerdings in einer Form, die man gelegentlich bei Pflanzen antreffen kann, nämlich ganz in Weiß. Man nennt das dann einen Weißling.

10.+11. Eine Paarung von Schmetterlingen beobachten und fotografieren zu können, ist immer etwas besonderes. Hier handelt es sich um Hauhechel-Bläulinge (Polyommatus icarus). Das zweite Foto zeigt noch einen eifersüchtigen Herren, der gerne auch mal wollte, aber mit Flügelschlägen des Pärchen schnell abgewehrt wurde.

12. Anspruchsvoller als die Zwillingsart Goldene Acht (Colias hyale), ist der hier vorkommende Hufeisenklee-Gelbling (Colias alfacariensis). Das Foto zeigt ein Weibchen am Gew. Bitterkraut. Man könnte beinahe sagen, eine stinklangweilige Unkraut-Ruderalpflanze – aber extrem beliebt bei Insekten.

13. Wenn man ihn einmal kennt, ist er schnell bestimmt: Es ist Idaea ochrata; etwas ähnlich ist bspw. I. serpentata. Meist haben die anderen aber unterschiedliche lokale Verbreitungen.

14.+15. Die Dickkopffalter habe ich besonders liebgewonnen und die Bestimmung hält die Hirnzellen frisch Nach längerer Zeit und vielen Gebieten, gab es endlich mal wieder gleich mehrere Mattscheckige Dickkopffalter (Thymelicus acteon). Der Zweite war noch etwas verpeilt, da mir sein Gewusel dann doch zuviel wurde und der Kescher zum Einsatz kam Nach kurzer Entwirrung und Peilung der Lage, zischte er wieder von dannen, um vielleicht den nächsten Kartierer zum Wahnsinn zu treiben.

16.-17. Es ist schön, wenn man eine Art, die man winters pausenlos als Ei sieht, dann doch mal wieder in ganzer Pracht erleben kann: Es ist der Nierenfleck-Zipfelfalter (Thecla betulae).

18. Ein Rätsel war auch dieses Kraut, was sich als mediterrane Salbei-Art (Neophyt) entpuppte: Der Quirblütige Salbei.

19. Der Klassiker unter den Dickkopffaltern durfte natürlich nicht fehlen: Der Rostfarbige Dickkopffalter (Ochlodes sylvanus) an einer Wiesen-Witwenblume (Knautia arvensis).

20. Ich dachte, die Hitze schlägt mir irgendwann doch aufs Gehirn: Ist da gerade ein viel zu dickes rotes Widderchen langgeflogen, was klang, als sitze es auf einem Moped? Der Verursacher wurde zum Glück identifiziert: Es handelte sich um eine männliche Rotflügelige Schnarrschrecke; in Thüringen steht die Art auf der Roten Liste als 2 = stark gefährdet.

21. Einmal und nie wieder hielt mich diese Art, in noch stärker abgeflogener Variante, mal zum Narren; da waren gerade noch so Mittelflecken-Häckchen zu sehen. Es ist der Rotrandbär (Diacrisia sannio). Die Art scheint innerhalb kurzer Zeit ganz besonders schnell ihre Farbschuppen zu verlieren; noch vor kurzem hatten wir nur frische, knallig bunte Individuen, an dem Tag nur mehr oder weniger weißliche.

22.-25. Immer wieder ein Hingucker ist der tagaktive Bärenspinner Russischer Bär (Euplagia quadripunctaria). Eine nach Anhang II der FFH-Richtlinie besonders geschützte Art, die sich sehr über den Wollköpfigen-Kratzdistel gefreut hat und im Nektarrausch auch plötzlich ganz fotogen wurde.

26. Ein besonders schönes Erlebnis war die Paarung der Silbergrünen Bläulinge (Lysandra coridon), die wir als individuenstärkste Tagfalter-Art im Gebiet hatten. Nach den ganzen Kohlweißlings-, Schachbrett- und Ochsenaugen-Listen mit nix anderem die letzte Zeit eine echte Wohltat.

27.+28. Es ist immer schwierig und langwierig in fremden Gebieten zu „wildern“ und ohne Peilung der Gattungen und Familien etwas zu bestimmen, aber bei der schönen Wespe musste das sein. Es ist die Gelbschwarze Blattwespe (Tenthredo vespa) an Wilder Möhre (Daucus carota).

29.+30. Die dritte Bläulingsart im Gebiet, war eine, die ihren Namen zurecht trägt: Zwerg-Bläuling. Grob abgeschätzt hat er die halbe Größe vom typischen Hauhechel-Bläuling und im Vergleich zum Silbergrünen ist er sicher nur 1/3. Ein toller Falter, der sich hier an 2 schönen Pflanzen zeigt: Gew. Hornklee und Wundklee.

Er beschallt wieder das ganze Gebiet

Kaum zu überhören und unverwechselbar hat hier ein Drosselrohrsänger mal mehr oder weniger exponiert seinen knarzenden Gesang zum Besten gegeben. Das Vorkommen dieser Art ist auf Stillgewässer mit mehrjährigen, größeren Schilfbeständen angewiesen, da die massigen Drosselrohrsänger entsprechend Platz und auch Halt im Schilf brauchen. Gesäuberte und auf Ordnung getrimmte Ufervegetation, um der maßlos übertriebenen Phobie der Verschilfung und Verlandung mancher Leute entgegenzuwirken, führen zum sicheren Verschwinden der Art wie auch weiterer Schilfbrüter wie der Beutelmeise.

Wie auch andere Rohrsänger, so ist auch der Drosselrohrsänger bei uns ein Zugvogel, genauer gesagt ein Langstreckenzieher. Ihre Winter verbringen sie südlich der Sahara und die Überwinterungsquartiere reichen sogar bis in den Norden Südafrikas! Mit der Zugleistung und der Art an sich, kamen 2021 auch Nicht-Ornithologen in Berührung, als Medien über eine Studie mit besenderten Drosselrohrsängern der Universität Lund in Schweden berichteten.

Man wusste bereits, dass Vögel in unwirtlichen Regionen wie der Sahara länger als 24h am Stücken fliegen können, hier konnte man eine zusammenhängende Flugzeit von 34h ohne Landung nachweisen und noch viel erstaunlicher: Von der nächtlichen Reiseflughöhe von 2.400m stiegen die Tiere tagsüber auf 5.400m an! Erst zur Abenddämmerung gingen sie wieder auf ca. 2.000m hinunter. Der Grund für diesen wortwörtlichen Höhenflug sieht man in der um 22°C kühleren Luft bei der Wüstenüberquerung sowie zur Prävention von Prädationsereignissen durch Greifvögel, von denen einige bekanntermaßen regelrecht auf die Zugvögel warten.