Am Tage sind sie zu sehen, aber nicht zu hören und ab dem Abend sind sie in der Dunkelheit nicht mehr zu sehen, aber umso deutlicher zu hören: Ästlinge der Waldohreule! Das in hohen Tönen vorgetragene Bettel-Fiepen, was man lautmalerisch als „jihüüüü“ umschreiben könnte, ist dann ausdauernd oft die ganze Nacht hindurch zu hören.
Mit dem Begriff des Nestlings können viele Menschen etwas anfangen, aber was ist ein Ästling? Der Ausdruck beschreibt das Entwicklungsstadium von Nesthockern, nachdem sie das Nest – je nach Art Nest, Horst, Höhle – verlassen haben, aber noch nicht selbstständig sind und von den Eltern weiterhin betreut und gefüttert werden. Der Name rührt daher, da sie nun auf den Ästen in Nähe des Brutplatzes unterwegs sind und mal mehr, mal weniger unbeholfen Fähigkeiten wie Koordination, Balance etc. trainieren. Es passiert nicht selten, dass sie dabei – gut gepolstert und zumeist unbeschadet – auf dem Boden plumpsen. Mit aller Deutlichkeit soll an dieser Stelle erwähnt werden, dass Eulenkinder auf dem Boden NICHT hilflos sind und keiner menschlichen Hilfe bedürfen. Ausnahmen gelten nur für Bereiche in Siedlungen, wo durch den Menschen herausgelassene Hauskatzen eine ernsthafte und unnatürliche Gefahr (anthropogene) für die Jungeulen darstellen.
Gut gemeintes, aber falsches Engagement bringt viele Eulenkinder überhaupt erst in Bedrängnis und Vogelauffangstationen unnötig an Kapazitätsgrenzen. Mittels Schnabel und Krallen schaffen sie es an der Borke, selbst vollkommen senkrechter Baumstämme, emporzuklettern.
Die Waldohreule findet man entgegen des Namens nicht tief im Wald; sie mag es eher halboffen und besiedelt Waldränder, Lichtungen, Parkanlagen, Friedhöfe, Gehölze im Siedlungsbereich und strukturierte Gärten. Zum Brüten ist die Art explizit auf das Vorhandensein von ironischerweise eines ihrer ärgsten Feinde angewiesen: Rabenkrähen. Deren verlassene Nester braucht sie nämlich zum Brüten. Das zeigt wieder einmal mehr, dass einseitige Betrachtungen in der Natur – und damit Ökosystemen – nicht funktionieren. Leider gibt es unter Greif- und Eulenfreunden trotzdem gar nicht mal wenige regelrechte Krähenhasser.