Waldkauz

Die folgende Redensart kann man hier, mittags im Oktober, mit dem dösenden Waldkauzpaar wörtlich nehmen: Ein Gesicht wie eine Eule am Mittag Waldkäuze bleiben als Standvögel das ganze Jahr über ihrem Revier treu. Wenn sich Paare gefunden haben, bleiben sie sich im Gegensatz zu einem Großteil anderer Vögel monogam oft bis zum Tod treu; bei manchen Paaren kommen da ganze 15 Jahre zusammen.

An ihren Schlafplätzen, von denen sie in ihrem Revier mehrere beherberbergen, vertrauen sie – wie man sieht auch zurecht – voll auf ihre Tarnung. Wenn die Eulen von ihrer potenziellen Beute doch einmal entdeckt werden, geht richtig die Post ab im Wald. Allgemein bekannt ist, dass bspw. Eichelhäher mit lauten Warnrufen versuchen Greifvögel und Eulen zu vertreiben. Aber auch andere Vögel, vom Kleiber über Amsel bis zur Kohlmeise, machen richtig Radau, wenn sie einen Waldkauz am Schlafplatz entdecken.

Eine unvergessene Anekdote ist, wie wir einmal einen ebenso laut wie energisch schimpfenden Vierer-Trupp Amseln im Wald gehört haben, die sich um ihre innerartlichen Reviergrenzen mitten im Sommer in dem Moment keine Gedanken mehr gemacht haben, als sie einen Waldkauz am Schlafplatz entdeckt haben. Zusammen sind sie solange auf die Eule drauf los gegangen, bis diese nach mehreren Zwischenstopps das Waldstück verlassen hat. Denn Waldkäuze sind nicht wählerisch bei ihrer Beute und auch, wenn Mäuse den Hauptteil ihrer Nahrung ausmachen, lassen sie sich günstige Gelegenheiten zur Prädation von Vögeln oder anderen Tieren nicht entgehen; das scheint sich herumgesprochen zu haben

Die Wetterlage mit klarem Himmel, Sonnenschein und ordentlich Frost hat für gute Fotobedingungen gesorgt und so habe ich die Waldkäuze mal wieder aus sicherer Distanz am Schlafplatz besucht, an welchem man wohl ganz herrlich den Tag gemeinsam verschlafen kann

Wie einige andere revierstarke Vögel auch, so gibt es auch bei den Eulen die Herbstbalz, in der Reviere abgegrenzt, Bindungen gefestigt oder Single-Eulen auf Partnersuche gehen. Bemerk- und erlebbar macht sich das für uns durch die schaurig-schönen Rufe der Waldkäuze, die man ab September bis November nach der Dämmerung bei Dunkelheit hören kann. Das Männchen lässt dabei u.a. meistens DEN Prototyp des klassischen Eulenrufs hören: „Huuu…HuHu…Huuuhuhuuuu“, woraufhin Weibchen mit einem hohen „Ku-Wieht“ antworten. Wer schon öfter Waldkäuze rufen gehört hat, dem werden die Unterschiede in Stimme, Artikulation und Stimmfärbung aufgefallen sein. Das sind tatsächlich individuell verschiedene sowie konstante Größten, anhand derer man auch Individuen auditiv unterscheiden kann. Zu beachten ist, dass beide Geschlechter auch die Rufe des jeweils anderen Geschlechts prinzipiell beherrschen, obgleich sie in der Form nicht so oft zu hören sind und der „Schaudergesang“ des Weibchens bspw. deutlich schwächer ausgeprägt ist.

Von Februar bis April findet dann die Frühjahrsbalz statt, bei der es um den Beginn der Brutphase geht – also Bindungsfestigung, Höhlenanzeigen und Aufforderung zur Paarung. Zu der Zeit kann man, jedoch nur aus der Nähe, von beiden Geschlechtern noch einen anderen Ruf vernehmen, der dem Anzeigen eines Nistplatzes und als Lockruf dient; eine Art weiches Kollern oder Rollen von aneinandergereihten „ruu“-Lauten. Direkt zur Brutzeit und den damit verbundenen Fütterungen kündigt sich das Männchen beim Nestanflug mit seinem typischen Ruf an, worauf das Weibchen mit seinem „Ku-Wieht“ antwortet. Auch zur stetigen Revierabgrenzung sowie Partnersuche bei immer noch unverpaarten Männchen, macht man(n) sich bemerkbar.

Bei den meisten Eulenbeobachtungen wird sich das Erleben daher auf die auditive Wahrnehmungsdimension konzentrieren, da Waldkäuze tagsüber – siehe Fotos – mucksmäuschenstill und perfekt getarnt wie ein Stück Rinde dasitzen.

Mit Beginn der Brutzeit war am Schlafplatz statt zwei beisammen sitzender Waldkäuze, nur noch einer zu sehen, was den begründeten Verdacht nahelegt, dass hier das Männchen sitzt und das Weibchen in der Höhle brütet. Im Gegensatz zum Stereotyp der gruseligen, nächtlichen Wesens der Eulen gelten tatsächlich alle Arten als ausgesprochen sonnenhungrig und lassen sich am Tageseinstand gerne die Sonne auf den Bauch scheinen.

Auch wenn es innerhalb der Eulen viele Übereinstimmungen bspw. in der Anatomie gibt, kann man viele Aussagen zu Sinnesleistungen oder zur Verhaltensbiologie von Eulen nicht verallgemeinern, da verschiedene Eulenarten ausgesprochen unterschiedliche ökologische Nischen besetzen und sich entsprechend unterschiedlich an die dortigen Bedingungen adaptiert haben. Zeit dazu hatten sie genug, denn Eulen sind nach aktuellem Wissensstand eine sehr alte Ordnung, deren ältestes Fossil sich auf ein Alter von 65 Mio. Jahren zurückdatieren lässt! Und nicht nur das, alle heutigen Nachfahren lassen sich auf diese Ur-Eule zurückführen – Die Eule wurde von der Evolution also nur einmal entwickelt. Das ist anders als bspw. bei den Falken, deren Ähnlichkeit zu den Greifvögeln auf konvergenter Evolution basiert, sich also ähnliche Adaptionen an ähnliche Bedingungen nochmals neu entwickelt haben, sie aber nichts mit den eigentlichen Greifvögeln zu tun haben.

Damit zurück zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden bei den Eulen, wovon es reichlich gibt. Das friedliche Beisammenschlafen der Waldkäuze am Tag bspw., wie weiter oben auf den Fotos zu sehen, zeigt sich nur bei Arten, welche ganzjährig ein Revier besetzen und monogam leben so wie Steinkauz und Waldkauz. Absolut unvorstellbar wäre dies bei Arten wie dem Sperlingskauz, deren Partner sich selbst zur Brutzeit weitgehend aus dem Weg gehen und die das ganze Jahr über sehr aggressiv ihr Revier gegenüber Artgenossen verteidigen.

Es war ein besonderes Erlebnis bei der Beringung zweier Waldkauzküken einer Nistkastenbrut von einer Scheune dabei gewesen zu sein. Die Beringung allgemein hilft nicht nur bei der Klärung von Fragen zum Zug- und Dispersionsverhalten von Vögeln, sondern auch dabei herauszufinden wie sich Individuen verpaaren und zusammenbleiben oder auch wie alt sie werden.

Waldkäuze haben im Jahr nur ein Gelege, was bei schlechter Nahrungsversorgung oder bei zu später Neuverpaarung von den monogam lebenden Waldkäuzen (bspw. bei Tod eines Partners) auch ausfallen kann. Der Legebeginn ist sehr vom Standort abhängig, so fangen südeuropäische Waldkäuze wesentlich früher an als nordeuropäische. Für Mitteleuropa kann man sagen, dass mittlerweile Gelege ebenfalls schon Ende Januar angelegt werden, öfter jedoch im Februar und die meisten bis dato jedoch im März.

Aber auch die Beuteversorgung und der Ernährungszustand des Weibchens spielt eine Rolle. Es wurde auch nachgewiesen, dass die Wühlmausdichte signifikant mit der Gelegegröße positiv korreliert: Je höher die Wühlmauspopulation, desto größer das Gelege, welches 1-7 (selten Eier umfasst. Die Populationskontrolle von Mäusen sollten wir also solchen gefiederten Experten überlassen, statt Gift in der Landschaft zu verstreuen und damit noch die Mäusejäger mit zu vergiften.

Die Eier werden dann erst nach dem 2. oder 3. Ei bebrütet und damit ist der Entwicklungsunterschied der Jungen nicht ganz so extrem wie bspw. bei der Schleiereule, die sofort ab dem 1. Ei brütet, aber doch deutlicher als bei Arten, die erst kurz vor oder am Abschluss des Geleges brüten wie bspw. Sperlingskäuze.

Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen der Nachmittagssonne im Februar hat sich dieses Waldkauzpärchen aufs Gefieder fallen lassen. Der Waldkauz gehört mit einer Größe von 40-42cm nach dem Uhu (am größten) und dem nur im Bayerischen Wald vorkommenden Habichtskauz (zweitgrößte), in Deutschland als Nummer 3 zu den größten Eulen.

Da wir schon beim Erscheinungsbild sind: Der Waldkauz kommt in verschiedenen Farbmorphen vor, die eher gräulich, graubraun oder rostbraun sein können. Der jeweilige Farbtyp ist dabei genetisch festgelegt und hat nichts mit Alter oder Geschlecht zu tun. Bei der Vererbung dominieren die beiden bräunlichen über die gräuliche Variante und bei Verpaarungen von Individuen unterschiedlicher Farbmorphe zeigt sich der Nachweis in verschiedenen Übergängen der beiden elterlichen Morphen.

Interessant ist, dass diese Farbmorphen über Europa nicht homogen verteilt sind. In Mitteleuropa überwiegen braune Morphen (57% braun, 31% rot, 11% grau), in Westeuropa dagegen rötliche (70% rot, 30% grau). Im Norden und Nordosten Europas dominieren dagegen deutlich die gräulichen Typen. Das eigentlich interessante aber ist, dass Studien ergeben haben, dass die Morphe Einfluss auf Stoffwechsel, Temperaturtoleranz, Lebenserwartung, und Reproduktionsleistung hat!

Die rostbraunen Morphen haben einen intensiveren Stoffwechsel mit hohem Energieverbrauch. Die Vorteile: stärkeres Immunsystem, mehr Mauser und damit intakteres Gefieder, hohe Wärmetoleranz, flexiblere Jagdstrategien, hohe Reproduktionsraten. Das hat selbstredend einen Preis: diese Population altert auch wesentlich schneller.

Die grauen Morphen gelten dafür als kältetoleranter und langlebiger, weisen ein deutlich dichteres Gefieder und langsameren Stoffwechsel auf. In Mangeljahren verzichten sie auf eine Brut.

Langzeitbeobachtungen haben ergeben, dass in Litauen seit den 80ern die grauen Morphen zu Gunsten der graubraunen signifikant abgenommen haben. Das wird interpretiert als eine Anpassung an durch den Klimawandel veränderte Umweltbedingung. Konkret heißt das, dass es 1985-1994 noch noch einen Anteil der grauen Morphe von ca. 55% und der graubraunen von knapp 30% gab. Im Zeitraum 2005-2014 hat sich das Blatt gedreht: Graue Morphen machen nur noch ca. 25% aus, die graubraunen dagegen ca. 65%.

Am typischen Schlafplatz des Waldkauzpaares im Stadtwald sah es die Tage etwas anders aus: Eine Eule ist etwas unbeholfen vom Boden aufgeflogen, die andere oben war deutlich aufmerksamer und neugieriger als es die Alten für gewöhnlich sind. Dazu der plüschige Eindruck und alles voller vermauserter Federn, das dürften also die diesjährigen Waldkäuze sein, die bereits recht weit ins adulte Gefieder gemausert haben; letzte Sicherheit brachte ein Vergleich mit den Gefiedermerkmalen des Brutpaares.

Jährlich findet nur eine Brut statt, die ist aber wie bei vielen anderen Eulen zeitlich recht flexibel und oft von Witterung und Beuteangebot sowie der geographischen Lage abhängig. Meistens starten die Waldkäuze sehr früh und legen die ersten Eier im Februar, im langjährigen Durchschnitt jedoch eher Anfang März. Im Extremfall kann der Brutbeginn jedoch bereits im Winter erfolgen oder erst im Frühsommer.

Das Gelege kann theoretisch aus 1-8 Eiern bestehen, die Regel sind jedoch 2-4 weiße Eier, die im Abstand von 2-3 Tagen gelegt und meist ab dem 2. oder 3. Ei bebrütet werden. Interessant ist wie gut das Waldkauz-Weibchen dazu in der Lage ist sich auf die Beuteversorgung einzustellen: Je nachdem wieviel Beute das Männchen zur Balz und am Beginn der Paarungszeit liefert, passt die künftige Eulenmama die Gelegegröße daran an. So zeigte eine Studie aus Finnland auch eine eindeutige Korrelation zwischen der Wühlmausdichte (gezählt durch Fallenfänge) und der folgenden Gelegegröße, wobei sich die Anzahl der Eier direkt proportional zur Wühlmaus-Dichte verhält.

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