Speziell für die Tagfalterkartierung, aber auch generell, um die Gegend, Lebensräume und Arten kennenzulernen, waren wir diesen Juli für einige Tage in der thüringischen Vorderrhön unterwegs und haben alles erfasst, was nicht niet- und nagelfest war. Bevor es also wieder mit der Aufarbeitung älterer Fotos weitergeht und auch mal wieder einige Vögel gezeigt werden, geht es erstmal um die „Lepis“.
- Die Art finde ich bei mir in der Gegend nicht so häufig und eher lückig, bei der Hohen Geba hat sie sich auch gezeigt: Die Ackerwinden-Trauereule (Tyta luctuosa). Vom Namen her kann man sich tatsächlich einige Eigenschaften ableiten – das funktioniert aber nicht immer! Die Raupen leben ausschließlich an der Acker-Winde, die Art gehört zu den Eulenfaltern und das „Trauer“ steht bei Trivialnamen bekanntlich immer für ein dunkles äußeres Erscheinungsbild.
- Sie war eine der Gründe für unserer Reise ab 20. Juli, da sie erst recht spät anfängt zu fliegen, die auf Grund ihrer Seltenheit und Gefährdung beinahe schon mystische Berghexe (Chazara briseis). Während man viele Tagfalter gern auf Blüten sitzen sieht, sieht man die Berghexe auf – Steinen. Am besten, wenn noch schön die Sonne drauf scheint, dabei bewohnt sie ohnehin gerne sonnenverwöhnte Orte wie südexponierte, stark beweidete und karge Hänge; gerne mit skelettierten Böden, also offenen Felsen. Außer hier in der Vorderrhön, findet man sie in Thüringen noch in passenden Biotopen im Harz und ansonsten sieht es recht düster aus. Nicht verwunderlich, dass sie sowohl in Thüringen als auch Deutschland auf der Roten Liste als vom Aussterben bedroht (1) gilt. Die Gefährdungsursachen liegen im Lebensraumverlust begründet; also dem Verlust offener Berghänge durch Aufgabe der Schafbeweidung, Aufforstung, Sukzession – gerade auch durch massive Eutrophierung der Landschaft.
- Eine hübsche kleine Pflanze, die immer mal wieder auf den Berghängen in der Vorderrhön zu beobachten war, war der lustig klingende Hügel-Meier (Asperula cynanchica). Die Art mag kalkreiche (basische) und lockere Böden in Trockenrasen. In Deutschland findet man den Hügel-Meier in sehr lückiger Verbreitung und auch auf der Vorwarnliste der Roten Liste gefährdeter Arten.
- Gut zu erkennen ist die Zugehörigkeit des Bläulings zur Gattung des Silberflecken-Komplexes (Plebejus spec.). Dieses Mal ist es allerdings nicht der verbreitet recht häufige Argus-Bläuling, dazu fehlt ihm u.a. der innenseitig dicke schwarze Flügelrand. Es blieben noch zwei Kandidaten übrig und da es vom Idas-Bläuling in der weiteren Umgebung noch keinen Nachweis gab, dafür gesicherte Nachweise vom Kronwicken-Bläuling (Plebejus argyrognomon), konnten wir das auch klären. Die Fotos zeigen ein Männchen auf dem Gewöhnlichen Hornklee, die Raupen fressen vor allem an Bunter Kronwicke.
- Eine sehr wanderfreudige und unstete Art mit entsprechenden Schwankungen der Bestandsdynamik und Verbreitungsschwerpunkten, ist dieser Vertreter der Nachtfalter (Eulenfalter, Noctuidae), die Karden-Sonneneule (Heliothis viriplaca), welche dort gut unterwegs waren. Hier hat sich ein Individuum zur Nektaraufnahme auf der bei Insekten und insbesondere Schmetterlingen, sehr beliebten Skabiosen-Flockenblume niedergelassen.
- Zwei Fotos einer besonderen Art: Das erste zeigt ein Männchen und bei den durchscheinenden Dots vermisst man den icarus-typischen Basaldot der Vorderflügel. Das zweite Foto zeigt ein Weibchen, die Vorderflügelunterseite ist zwar nicht zu sehen, da verdeckt, die Hinterflügel zeigen aber sehr deutlich, dass die oberen 2 Dots der 3er-Reihe deutlich dichter zusammenstehen, als beim überall vorkommenden Hauhechel-Bläuling (Polyommatus icarus). Damit ist die Art zweifelsfrei als Kleiner Esparsetten-Bläuling (Polyommatus thersites) bestimmt. Die Art ist lückig verbreitet und nicht häufig und ist dem Namen passend nach an das Vorhandensein an Saat-Esparsetten auf Halbtrockenrasen gebunden.
- Ein sehr häufiger Tagfalter mit großer ökologischer Amplitude (=Generalist), ist das Kleine Wiesenvögelchen (Coenonympha pamphilus). Das frische Individuum ist mit einer besonders kräftigen hellen Binde und außergewöhnlich ausgeprägten Hinterflügel-Augen aufgefallen, was allerdings unter die normale Variation zwischen Individuen fällt.
- Eine große Freude für mich als Freund der Dickkopffalter (Hesperiidae), war das außergewöhnlich starke Vorkommen des eigentlich eher seltenen Komma-Dickkopffalters (Hesperia comma). Sowohl ober- als auch unterseitig lässt sich die Art gut bestimmen. Sie ist heutzutage deutlich seltener und in der Habitatwahl anspruchsvoller als einige der verwandten Arten. Nach Angaben früher Lepidopterologen (Schmetterlingsforschern) war die Art einst sehr häufig und weit verbreitet, was heute so gar nicht mehr zutrifft. Als Besiedler magerer und offener Halbtrockenrasen, gehören Eutrophierung, Verbuschung oder Intensivnutzung zu den Hauptursachen der Gefährdung.
- Ein echtes Suchbild; ich konnte den Falter gut sehen, da ich seinen Flug samt Landung verfolgt habe. Es ist der Mauerfuchs (Lasiommata megera), den man in warmen und offenen, oft auch steinigen, Gelände findet. Dort fallen vor allem die umherpatroullierenden Männchen auf.
- Eigentlich kann man Mitte Juli genug Imagines beobachten, so dass man nicht unbedingt noch zielgerichtet Eier suchen muss. Es war allerdings schon am frühen Abend, die Witterung kühl, die letzten Sonnenstrahlen hinter Wolken verschwunden und die Aktivität der Falter kaum noch bemerkbar. Da kann man schon einmal einen intensivere Blick in die Schlehensträucher werfen Und was sich da gezeigt hat, waren die Eier vom Pflaumen-Zipfelfalter (Satyrium pruni), die aufgrund des „schmutzigen“ Habitus und des Eiablageorts deutlich schwieriger zu sehen sind, als bspw. die vom Nierenfleck-Zipfelfalter.
- Beim abendlichen Blick in die Schlehenhecken, als ohnehin nicht mehr viel los war mit Tagfalteraktivität, haben wir als Bonus zu den Eiern vom Pflaumen-Zipfelfalter, ordentlich Geschwirre von winzigen Nachtfaltern bemerkt. Argyresthia pruniella ist ein Vertreter einer witzigen Gattung von Motten, die in Ruhehaltung ihre Hinterbeine einklappen und so aussehen, als würden sie einen Handstand machen. Die Raupen leben in und von Trieben und Knospen und später auch in den sich entwickelnden Früchten – in dem Fall Schlehe.
- Ein wunderbarer Fund, den wir schon lange mal machen wollten, war dieser: Der Rotklee-Bläuling (Cyaniris semiargus). Ein älterer Trivialname ist eigentlich viel passender: Violetter Waldbläuling. Die Art bewohnt zwar keine Wälder an sich, aber feucht Wald- und Strauchsäume und Magerwiesen in Waldnähe; zudem wirkt die Art im Flug deutlich dunkelblauer als andere Bläulinge. Rotklee ist tatsächlich nur eine von vielen möglichen Raupenfutterpflanzen, diese fressen auch an anderen Schmetterlingsblütlern wie Gewöhnlicher Hornklee, Wiesen-Platterbse, Vogel-Wicke, Weiß-Klee uvm.
- Ein schöner Fund auf einer Skabiosen-Flockenblume, war dieser hübsche Zünsler Selagia spadicella. Wie bei so einigen Kleinschmetterlingen stehen auch hier zur Lebensweise noch einige Fragezeichen im Raum; gesichert ist der Nachweise der Raupenfutterpflanze Besenheide – allerdings zeigt sich die Art auch in Lebensräumen ohne diese. Die Art ist mit Lücken in ganz Deutschland verbreitet.
- Nur noch zu schätzende Massen waren vom Silbergrünen Bläuling (Lysandra coridon) zu sehen; eine Art von Kalkmagerrasen in eher trocken-warmen Biotopen, die dann gerne mal in Massen auftritt. Die primäre Nahrungspflanze der Raupen ist der Gewöhnliche Hufeisenklee; ein Schmetterlingsblütler, der warm-trockene und magere Kalkstandorte besiedelt, womit sich auch erklärt, warum der Falter dort fliegt, wo er fliegt.
- Ein sehr frisches und kräftig gefärbtes Individuum vom Violettroten Kleinspanner (Scopula rubiginata) konnte ich hier fotografieren. Die Art ist weit verbreitet und nicht selten; man findet sie in trockenen und warmen Biotopen wie Halbtrockenrasen, Ödland, Brachen oder Heiden. Die Raupen wurden schon an einigen verschiedenen Kräutern wie Thymian, Besenheide, Wiesen-Sauerampfer und Gewöhnlichen Beifuß gefunden.