Stockente

Einer der wenigen Vögel, den wahrscheinlich auch heute noch jeder kennt: Die Stockente. Die Fotos zeigen sie beim Planschen, Fliegen, Strecken, Kratzen und bei dem, was man als Ente sonst noch so treibt.


Der Geschlechtsdimorphismus bei der Stockente ist geläufig: Die Erpel haben auf ihrem silbrig-grauen Rücken-, Flanken- und Bauchgefieder ein schimmernd grünes Köpfchen über einer kastanienbraunen Brust sitzen, während die Weibchen ein bräunlich geschecktes Gefieder tragen, was sie im Schilf, auf trockenen Gras und auf Laub am Ufer unsichtbar werden lässt.

In der Nachbrutzeit (Juli/August) sieht man auf den ersten Blick immer nur „Weibchen“ – das ist allerdings die Zeit, wo die Männchen sich an Mauserplätzen versammeln, um ihr Gefieder mit einem Mal (Vollmauser) zu erneuern. Dann tragen sie ihr Schlicht- bzw. Ruhekleid und sehen wie die Weibchen aus. Unterscheiden kann man sie dennoch und zwar an der Schnabelfarbe.

Wir suchen Sie, Stockente (m/w/d)

In Begleitung einer weiblichen Spießente sowie nominotypischen Stockenten, ist dieses Individuum gleich beim Einflug aufgefallen. Auf den ersten Blick könnte man an einen Erpel im Übergangskleid vom Schlicht- zum Prachtkleid denken – aber Ende Dezember? Ausgeschlossen. Zudem passt da so einiges andere gar nicht; weder einige Gefiederfarben noch der vollkommen frisch vermauserte Eindruck.

Diese morphologische Erscheinung wird oft als Hybrid fehlbestimmt und tatsächlich zeigt dieses Individuum frappierende Ähnlichkeit mit den Hybriden aus Stockente x Schnatterente. Allerdings passen zwei Merkmale, die man als K.O.-Kriterium bezeichnen könnte, gar nicht: Zum einen zeigen diese Hybriden einen grünen Spiegel, dieser ist eindeutig Stockentenblau. Zum anderen zeigen Hybride aus diesen beiden Entenarten niemals Erpellocken! Auch wenn die vorhanden Erpellocken nicht so gekräuselt sind wie typisch, sind sie deutlich zu sehen. Was also haben wir hier? Eigentlich das, worauf die Überschrift anspielt: eine Intersex-Stockente.

Eine Intersex-Stockente zeigt geschlechtsuntypische morphologische Merkmale, ausgelöst durch ein hormonelles Ungleichgewicht aufgrund Mutationen auf den Geschlechtschromosomen. Auch wenn Individuen mit dieser genetischen Disposition auf die Gesamtpopulation bezogen relativ selten sind, so sind sie definitiv häufiger als vielen Ornis bekannt ist, was dann zu den erwähnten Fehlbestimmungen führt. Vieles zu diesem Phänomen ist noch unerforscht, man geht davon aus, dass primär Weibchen betroffen sind, die dann männliche Merkmale zeigen.

Erklären lässt sich diese ungleiche Verteilung zwischen den Geschlechtern damit, dass es sich mit den Geschlechtschromosomen genau anders herum verhält als bei den Säugetieren wie bspw. uns Menschen. Männer tragen bekanntlich je ein X und Y-Chromosom, Frauen dagegen zwei X-Chromosomen. Männer sind deswegen anfälliger für Defekte, die sich auf das X-Chromosom beziehen, da sie sozusagen keinen Ersatz haben und weisen bspw. deutlich höhere Raten an Farbenblindheit auf als Frauen, bei denen das zweite X-Chromosom Defekte auf dem ersten kompensieren kann. Damit zurück zu den Enten: Wie gesagt, ist es bei den Enten anders herum: Erpel tragen zwei gleiche Geschlechtschromosomen (Z und Z), Weibchen zwei unterschiedliche (Z und W). Genetische Mutationen auf dem Z-Chromosomen können bei Weibchen also nicht durch einen zweiten Z-Chromosomensatz kompensiert werden.

Bei der Ente auf dem Foto spricht aber alles für den seltenen Fall, dass es ein Intersex-Erpel ist: Die gelbe Schnabelgrundfarbe zusammen mit den Erpellocken; also von den Geschlechtschromosomen her ein Männchen mit weiblichen Merkmalen.

Wer hat’s gewusst? Man muss nicht nach Afrika oder Südamerika schauen, auch vor der eigenen Haustür gibt es noch viel zu entdecken und auch wissenschaftlich zu erforschen.

Die Kommentare sind geschlossen.